Religionsunterricht: ein Relikt aus Zeiten, als die Welt noch in Ordnung war

Auch wenn das Religionsunterrichtsgesetz (RelUG) schon seit über 50 Jahren regelt, an welchen Schulen (alle öffentliche sowie konfessionelle Privatschulen), an wem (alle Kinder, die einer Konfession „angehören“), nach welchen Leitlinien (diese bestimmen grundsätzlich die Religionsgemeinschaften) und auf wessen Kosten (die Öffentliche Hand, natürlich) die gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaft die religiöse Erziehung des eigenen konfessionellen Nachwuchses vornehmen dürfen, liegen die Wurzeln des Religionsunterrichtes und somit der religiösen Kindererziehung viel weiter in der Vergangenheit.

Während die katholische Kirche (und zu einem wesentlich geringeren Grad – die protestantische bzw. die evangelische Kirche) über Jahrhunderte – als eigentlich bildungsfeindliche Organisation! – es geschafft hat, Bildung mittels Glaube erfolgreich zu bekämpfen, sich jedoch im sozialen Gefüge als die erzieherische Instanz zu positionieren, reicht die Geschichte der staatlichen Bildungshoheit in Österreich nicht einmal 150 Jahre zurück. Und sie war, dank dem katholisch-faschistoiden Intermezzo zwischen 1933/4-1938, nicht nur lückenhaft, sondern auch unvollkommen: noch immer liefert das RelUG die Grundlage für eine dubiose „Bildungskooperation“ zwischen dem an sich säkularen österreichischen Staat und den gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften, allen voran der katholischen Kirche. Und von Toleranz ist dabei die Rede genauso wenig wie von Bildung: im selben Gesetz wird nicht nur die religiöse Kinderindoktrinierung auf Kosten des Steuerzahlers sondern auch das Anbringen von Kreuzen in Klassen mit einer „christlichen Mehrheit“, unabhängig davon, ob es der Minderheit gefällt oder nicht, angeordnet.

Die Gewinner und die Verlierer des Religionsunterrichts

Eine ernsthafte kritische Auseinandersetzung mit der Religionsunterrichts-Thematik fand in der Zweiten Republik bislang nicht statt. Der Religionsunterricht gilt noch immer als Gottgegeben, als Teil der Landschaft, sozusagen, wie die Berge, die Kühe und die Kirchentürme.

Doch was steckt eigentlich hinter dem großzügigen staatlichen Sponsoring des Religionsunterrichts?

Das RelUG verdankt seine Entstehung nicht dem tüchtigen Gesetzgeber der Zweiten Republik sondern der schandvollen Kooperation zwischen der faschistoiden und pro-katholischen Dollfussdiktatur einerseits und dem „Heiligen“ Stuhl anderseits. Bereits im Artikel IV des Konkordats vom 5. Juni 1933 wurden die Fundamente für den Religionsunterricht in seiner heutigen Form festgelegt. Um die „Errungenschaften“ des RelUG jedoch einer evtl. verfassungsrechtlichen Prüfung zu entziehen wurde, ganz nach dem Motto „doppelt hält besser“, am 9. Juli 1962 ein weiteres Konkordat, das sogenannte „Schulkonkordat“, zwischen der Republik Österreich und dem „Heiligen“ Stuhl abgeschlossen. Die Vorteile für die Kirche aus diesem „Abkommen“ sind nicht zu unterschätzen: über die allgemeine Schulpflicht bekommt die Kirche Zugang zum wichtigsten „Investitionsgut“ einer jeden Religion, nämlich die Kinder von heute, die die Gläubigen von morgen bilden. Man denke nur daran, wie viele Kinder einen Religionsunterricht nach oder vor den Schulzeiten bzw. am Wochenende oder in den Ferien in den Räumlichkeiten der Kirche besucht hätten. Und die materiellen Vorteile für die Kirche können auch kaum überschätzt werden: über die Nutzung der Infrastruktur der öffentlichen Schulen, der Übernahme der Kosten des Religionsunterrichts sowie die staatlich großzügig mitfinanzierten katholischen Privatschulen erfreut sich die Kirche über einen finanziellen Vorteil von derzeit über 1 Mrd. Euro jährlich (!).

Dabei hat Religion, per Definition, in einer Schule nichts verloren, genauso wie die Evolutionstheorie und das Genesismärchen im Biologieunterricht keineswegs gleichberechtigte konkurrierende Theorien sind. Glaube hat eben mit Bildung nichts gemeinsam und der Religionsunterricht ist das am wenigsten geeignete Mittel, über Religionen zu lernen.

Und welches Nutzen kann der Staat, also die Allgemeinheit, von dieser Verstrickung von Religion und Hoheit im Bildungsbereich schöpfen? Bedenklich wenig, wenn überhaupt etwas: Österreich konnte sich seit dem Zweiten Weltkrieg als wahres Bildungsmuffel etablieren und das RelUG garantiert das Fortbestehen des Religionsunterrichts zu Lasten einer studienvorbereitenden Schulbildung. Die im OECD-Vergleich weit unterdurchschnittliche Akademikerquote in Österreich bei gleichzeitig überdurchschnittlichen Ausgaben pro Schüler kann nur mit der Bildungsqualität erklärt werden. Diktaturen aber auch die einzelnen Parteien einer großen Koalition konnten hingegen, anders als die Öffentlichkeit, schon immer eine kooperative Kirche gebrauchen. Dass das ursprüngliche RelUG 1949 sowie seine wesentlichen Änderungen bzw. das „Schulkonkordat“ von einer großen Koalition verabschiedet wurden, darf in diesem Zusammenhang wohl kaum verwundern. 

Im Namen der Religionsfreiheit?

Um den Schein der Wahrung der Religionsfreiheit und Toleranz – und in Wahrheit um gegen Urteile des Verfassungsgerichtshofes (vgl. VfSlg 802/1927) oder gegen die Bestimmungen der Europäischen Menschenrechtskonvention nicht zu verstoßen – gewährte der Gesetzgeber Eltern sowie religionsmündige Kinder (ab dem vollendeten 14. Lebensjahr) die Möglichkeit, ihre Kinder bzw. sich selbst vom Besuch der Religionsunterrichtes bzw. religiöser Übungen (z.B. Schulgottesdienst) abzumelden (§1 Abs 2 bzw. §2a RelUG). Ferner dürfen die Eltern bzw. die religionsmündigen Kinder in ihrer Entscheidung nicht beeinflusst werden (Erlass BMUKK-10.014/2-III/3/2007). Doch zwischen Theorie und Realität befinden sich oftmals Welten.

Auch wenn jedem das Recht zusteht, sich vom Religionsunterricht abzumelden, so machen noch relativ wenig Kinder von diesem Recht Gebrauch; viel zu stark ist der gesellschaftliche Druck „mit dem Strom zu schwimmen“, insbesondere in ländlichen Gegenden. Und der verpflichtende Besuch eines Ethikunterrichtes, der oftmals nicht nur überwiegend religiöse Inhalte behandelt sondern obendrein von einem Religionslehrer bzw. Religionslehrerin verabreicht wird, macht eine Abmeldung vom Religionsunterricht auch nicht wirklich sinnvoll.

Aber auch wenn Eltern bzw. Kinder sich entschlossen haben, eine Abmeldung vom Besuch des Religionsunterrichts vorzunehmen, werden sie oftmals mit (gesetzeswidrigen!) Schikanen konfrontiert. Zu bemerken ist jedoch, dass ein „Klärungsgespräch“ mit dem Schuldirektor genauso gesetzeswidrig ist wie das Mobbing seitens des Religionslehrers oder die Erfindung von Formfehler, die die angebliche Nichtigkeit der Abmeldung begründen sollten.

Aktiv werden!

Der Meldestelle der Initiative Religion ist Privatsache liegen bereits einige Beschwerden vor, die von diversen Facetten dieser Praktik zeugen. Das Schreiben eines Lehrers zu diesem Thema liefert einen besonderen Einblick in diese subtile Taktik der religiösen Unterdrückung. Dieser Brief hat auch den Zentralrat der Konfessionsfreien, mit Unterstützung der Initiative Religion ist Privatsache, auf den Plan gerufen, alle Schulhalter sowie Elternvereine mittels eines Rundschreibens zu kontaktieren mit der Bitte, den gesetzlichen Schutz vor dem Religionsunterricht zu thematisieren und auf die Einhaltung der entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen zu achten.

Die Meldestelle der Initiative Religion ist Privatsache steht selbstverständlich für alle Beschwerden auch zu dieser Thematik zu Verfügung. Solltest du glauben, dass du oder deine Kinder in irgendeiner Form religiös zwangsbeglückt werden setz dich mit uns in Verbindung und wir werden unser Bestes tun, um behilflich zu werden. Denn auch hier gilt, wie so oft: Wo kein Kläger, da kein Richter!